Der Riesen in Miltenberg – Geschichte und Geschichten

Wie alt der Riesen genau ist - weiß man nicht!

Die erste offiziell anerkannte Erwähnung ist 1411.

Aber was erwähnt ist, ist ja schon mal da und wie lange? Das weiß niemand.

Es gibt einige logische Erklärungen, die aber nicht bewiesen sind und dennoch zum Nachdenken anregen.

Der Riesen ist der einzige solitäre Profanbau in Miltenberg, die Riesengasse ist die einzige Gasse, die im 45° Winkel auf die Hauptstraße stößt, alle anderen Gassen laufen im 90° Winkel auf die Hauptstraße zu.

Der steinerne Unterbau zeigt runde Tore, die in der Romanik gebaut wurden und 1411 war schon lange Gotik. Vielleicht war der Riesen schon vor der Gründung der Stadt ein Landgasthaus an der großen und alten Handelsstraße, auf der die Kelten schon lange vor den Römern griechischen Wein gehandelt haben.

Servicestation Riesen

So ein Gasthaus muss seinen Gästen auch Annehmlichkeiten und Komfort bieten;

Das Auffallendste war damals die Einfahrtsmöglichkeit in den Riesen durch eine der drei Tore (siehe Bild). Edle Herrschaften konnten mit ihren Kutschen in den Riesen fahren und dort geschützt aussteigen ohne ihre Schuhe mit den Emissionen, die sonst auf der Straße lagen, zu beschmutzen. Die Stirnseite der Einfahrtshalle war mit einem großen Christophorus bemalt. Der Gastraum war im ersten Stock.

Ein „Drive in“ Jahrhunderte alt!

Neben gutem Essen und Bier, dass nach dem Reinheitsgebot gebraut wurde – siehe Braustern am Wirtshausschild.

Versorgung der Pferde - Pferde waren sehr wertvoll. Es galt der Spruch: „Weibersterben, kein Verderben – Gäulsverrecken (Tot des Pferdes) – welch ein Schrecken!“

Es gab in der Riesengasse ein Fräuleinshaus, mit roter Laterne am Eingang und einem unterirdischen Gang „Dell Amore“ für die Fräuleins, die Könige, Kaiser und Herzoge und aus Diskretionsgründen auch für die Bischöfe.

Der Riesen ein Renaissance-Fachwerkbau von 1590

Der steinerne Grundbau mit den romanischen Toren muss wohl in der Gotik umgebaut und erweitert worden sein, denn ein gotischer, massiver Holzpfeiler aus Eiche steht heute noch neben dem Rittersaal als anschaulicher Zeuge seiner Zeit (siehe Bild).

Ein Teil des alten Gasthauses hat ein Brand zerstört und so wurden aus 100 geradegewachsenen Eichenstämmen aus dem Miltenberger Stadtwald das prachtvolle Haus errichtet. Joist Virnhaber war damals der Wirt und der Jakob Storz der Baumeister. Eine Tafel über dem Einfahrtstor an der Hauptstraße zeigt heute noch das Leitmotiv:

„Dieser Bau steht in Gottes Hand,

zum Riesen ist er genannt,

Fürsten und Herren ist er bekannt,

Bürgern und Bauern steht er zur Hand,

Jacob Storz 1590

 

Ein Gasthaus für alle, die ankommen und Rast und Labung brauchen!

 

Der Riesen hatte unzählige Wirte. Nicht alle wurden glücklich und reich mit der Fürstenherberge. Die Zahlungsmoral war nicht immer gut und die Gäste, Heerführer oder hohe Adeligen logierten oft auf Kosten der Stadt Miltenberg fürstlich. Die Stadt konnte bisweilen die Rechnungen nicht begleichen, manchmal nur zur Hälfte oder gar  zu einem Drittel. Wenn der Stadtsäckel leer war wurde dem Riesenwirt auch mal Naturalienzahlung in Form von Wein angeboten und dieser musste sich damit zufriedengeben.

 

Eine Geschichte soll sich so zugetragen haben:

 

Miltenberg war bis zum 30.-jährigen Krieg 1618 - 1648 eine reiche Stadt.

1621 kam General Tilly mit seiner Armee auf dem Weg nach Frankfurt durch Miltenberg. In seinem Gefolge Graf Anhalt mit 4500 Reitern. Diese wurden in Miltenberg vorübergehend einquartiert. Der Riesenwirt wollte diesem Ansturm entgehen und das Wirtshausschild einziehen und niemanden hereinlassen. Dies war allerdings unter schwerer Strafte verboten.

Als dann im darauffolgenden Jahr noch Obrist-Leutnant Waal mit 200 Pferden Quartier im Riesen bezog, beliefen sich die gesamten Kosten auf 3 000 Gulden. Erst 8 Jahre später also 1630 bekam der Wirt nur gut ein Drittel der Kosten, nämlich 967 Gulden und 30 Kronen aus dem gebeutelten Stadtsäckel. Damit war die Stadt verarmt und Miltenberg konnte sich nicht mehr vom Kriegsgeschehen freikaufen. Im August 1631 kam dann Gustav Adolf von Schweden mit seinem Heer und brachte Hunger, Leid und die Pest mit.

Dr. Martin Luther und der Graf von Erbach

Man erzählt sich, dass der Graf von Erbach, ein überzeugter Katholik, dem nach Worms reisenden Luther entgegenfahren wollte, um ihn zur Umkehr zu bewegen.

Der Graf von Erbach stieg eines Abends im Riesen ab, aß sein Abendbrot und begab sich auf sein Zimmer.

Am nächsten Morgen erkundigte er sich bei dem Wirt, wer denn neben ihm im Zimmer die Nacht verbracht habe. Der Wirt fragte nach, warum er wissen wolle. Der Graf erzählte tief beeindruckt, dass er die ganze Nacht über jemanden inbrünstig, laut und voller Hoffnung mit Gott hat sprechen hören. Er möchte diesen tief gottesfürchtigen Menschen gerne kennenlernen. Der schmunzelnde Wirt zeigte auf einen Mönch, der eben sein Frühstück einnahm. Der Graf und Dr. Martin Luther kamen ins Gespräch und unterhielten sich sehr intensiv. Bald danach reiste der Graf zurück nach Erbach und wurde ein treuer und überzeugter Anhänger von Luther. Er war einer der ersten, die zu dem protestantischen Glauben übertrat und damit seine ganze Grafschaft. 

Der Retter des Riesen

Ab 1892 war die Familie Hülbig Inhaber und Wirt des Riesen. 2 Weltkriege überstanden sie und der Tourismus lief nur langsam an. So ein Bau verlangt Pflege und dauernde Investitionen. Da der Riesen schlecht lief und finanzielle Mittel nicht immer verfügbar waren, kam es, dass der Riesen am 03. Januar 1970 baupolizeilich gesperrt wurde. Im März 1970 wurde die Zwangsversteigerung durchgeführt. Der Riesen wurde 30% unter dem Verkehrswert angeboten. Keine Käufer waren da.  Kurz danach kam es zur 2. Zwangsversteigerung. Der Riesen wäre für 1 DM weg gegangen. Wieder war niemand da, der ihn haben wollte. Die ersten Banken ließen sich von schon einen Plan von einem Architekten erstellen, um den zentralen Platz im Zentrum von Miltenberg mit einem schicken Neubau zu nutzen.

 

Doch sie haben den Plan ohne Herrn Werner Jöst gemacht.

Herr Jöst kam aus Weinheim und wurde schon als Architekturstudent von seinem verehrten Lehrer in Baugeschichte, Herrn Oberbaurat Dr. Winter 1958 auf den Riesen aufmerksam.

6 Jahre später wohnte Herr Jöst mit seiner Frau Cilly für 4 Tage im Riesen und kamen danach immer wieder zurück. Als Herr Jöst 1970 von dem traurigen Schicksal des alten und wunderschönen Gebäudes hörte war er und seine Frau bereit alles was sie besaßen in den Riesen zu investieren und den Riesen vor dem Abriss zu bewahren.

 

Am 24. Juni 1970 kaufte er den Riesen.

Um ihn zu sichern wurde die erste und erhaltende Sanierung innerhalb von 3 Jahren durchgeführt. Im Vordergrund stand die Erhaltung der alten Bausubstanz.

Die Einweihung der 1. Bau- und Sanierungsstufe fand am 01. März 1973 und gleichzeitig wurden auch die ersten Hotelzimmer fertig gestellt und damit die uralte Hoteltradition wieder aufgenommen.

15 Jahre lang wurde immer wieder ein neuer Bereich fertig, bis 1988 mit „Kaiserin Maria Theresia“ die Hotelsanierung abgeschlossen war.

Es folgte der Westgiebel, das Gesicht des Riesens.

Nach der ersten Außenrenovierung 1979/80 wurde 1982/83 die 2. verbesserte und letztendlich 2002 die heutige Farbgestaltung angebracht.

Es war ein schwieriger und durch viele Behördengänge sehr beschwerlicher Weg. Herr Jöst wollte ihn immer im Einvernehmen mit dem Landesamt für Denkmalspflege durchführen. Es wurde immer intensiv verhandelt und nur mit Beharrlichkeit und guten Argumenten konnte zum Beispiel der Schiefer wieder angebracht werden, um die schnelle Verwitterung zu verhindern. 2005 und 2006 kam die Quaderbemalung am Steinunterbau dazu. Das war schon bei den alten Kastellen und Burgen üblich gewesen.

 

Für Herrn Jöst war es ein beschwerlicher und mit vielen Schwierigkeiten gepflasterter Weg. Sein unerschütterlicher Wille und der unumstößliche Vorsatz so viel alte Bausubstanz zu erhalten rettete den Riesen vor vorschnellem Abriss und unnötigen Erneuerungen. Ohne Herrn Jöst wäre der Riesen heute nicht mehr da! Das ist eine unglaubliche Leistung, vor der wir nur unseren Hut ziehen können.

Text von Dorothea Zöller